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In 30 Jahren – ein Blick in die Zukunft mit Tom Lloyd



In 30 Jahren wird die Natur der Arbeit wohl ganz anders sein.

Welche Veränderungen im Arbeitsleben wird es Ihrer Meinung nach in den nächsten 20 bis 30 Jahren geben?

Wir haben im Studio selbst einen Trendbericht erstellt. Wir arbeiten in verschiedenen Sektoren – von der Luftfahrt über Büroräume bis hin zum Gastgewerbe und Gesundheitswesen – so sammeln wir Eindrücke von unterschiedlichen Kunden. Zu verschiedenen Themen – beispielsweise Technologie, Wohlbefinden und Demografie – entwickeln wir Konzepte, wie sich die Arbeit in diesem Bereich wandeln wird. Bezüglich der Technik wird vorausgesagt, dass der Aufstieg der künstlichen Intelligenz tiefgreifende Auswirkungen haben wird. Wenn wir also über die Arbeit in 30 Jahren sprechen, denke ich, dass sich ihr Wesen stark verändert haben wird. Viele Tätigkeiten, die vom Menschen ausgeführt wurden, wird die Technik für sich einnehmen. Sogar das Konzept des Arbeitens könnte dann schon verschwunden sein. Denn es wird nicht genug Arbeit geben, oder aber wir müssen in der Gesellschaft neu definieren, wie und warum wir arbeiten. Das ist ein zentrales Thema. Für Menschen wird schlicht nicht genug Arbeit da sein, insbesondere Arbeit für Niedrigqualifizierte. Wir werden unsere Gesellschaft anders organisieren und uns gegenseitig anders unterstützen müssen. Letzte Woche besuchte ich in Italien eine Fabrik, die jährlich zweieinhalb Millionen Stühle produziert, aber nur fünfzig Leute beschäftigt. Seltsamerweise gilt das in der Philosophie des Kapitalismus als Erfolg, da das Unternehmen durch weniger Beschäftige mehr Profit abwirft. Sozial gesehen sollte man das jedoch als Scheitern bezeichnen, da dadurch weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Wir müssen wirklich sicherstellen, dass jeder seinen Beitrag leistet. Allein mit diesem Thema könnten wir den ganzen Tag verbringen.

Wenn Sie an die Arbeitsorte der Zukunft denken, glauben Sie, dass wir uns dann immer noch auf Büros stützen werden? Wenn ja, wie stellen Sie sich die Unterschiede zum typischen Büro von heute vor?

Ein wichtiger Punkt betrifft die Vorstellung vom Eigentum, nämlich die Idee, dass wir alles, was wir brauchen, auch besitzen sollten. Ich denke, diese Denkart bricht langsam zusammen. So wie der Gedanke, dass man für ein Unternehmen arbeitet, und dass diesem Unternehmen ein bestimmtes Gebäude gehört sowie auch alle Computer und Möbel. Heute tritt allmählich die Sharing Economy in den Vordergrund. Die Coworking-Revolution, glaube ich, ist nur die Ursprungsidee für eine viel größere Flexibilität in unserer Nutzung von Arbeitsräumen. Ich denke oft darüber nach, dass ein neues Gebäude nur für acht oder zehn Stunden täglich benutzt wird, aber ansonsten dunkel und verschlossen bleibt. Außerdem wissen wir aus Untersuchungen sehr genau, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt fünfzig Prozent aller Schreibtische, die Personen „gehören“, gar nicht gebraucht werden. Also werden Gebäude, die täglich für acht oder zehn Stunden benutzt werden, sogar während dieser Zeit nur zu fünfzig Prozent ausgelastet. Unter dem Strich wird die gesamte Struktur also nur vier oder fünf Stunden täglich genutzt. Man darf dabei nicht vergessen, dass viele dieser großen Stahl- und Glasbauten sowohl teuer als auch schädlich für die Umwelt sind. Ich denke also, dass die alten Ideen, wie wir Architektur und Arbeitsraum miteinander verbinden, radikal weiterentwickelt werden müssen. Ich denke, in der Zukunft wird Coworking Space den gesamten Arbeitsraum einnehmen. Organisationen werden ihre Kapazitäten nutzen, indem sie beispielsweise andere Menschen einladen in ihren Räumen zu arbeiten und diese auch flexibler einsetzen. Die Infrastruktur der Arbeit wird sich allein während der nächsten Generation stark verändern. Daten von McKinsey in den USA zeigen etwa, dass 2020 bis zu fünfzig Prozent aller Amerikaner selbstständig tätig sein werden – darüber muss man erst einmal nachdenken. Die Menschen sind heute viel eher zu Outsourcing bereit. Organisationen werden deutlich kleiner und schlanker. Sie nutzen viel öfter Subunternehmer und Berater. Und Unternehmen schaffen es zunehmend das Gleiche zu leisten, ohne dabei für Pensionen, Gesundheitskosten oder Fixkosten für die Erhaltung von Arbeitsräumen aufkommen zu müssen.

Wie steht es um Home-Offices? Welche Rolle wird das Büro zu Hause in Zukunft spielen?

Was das Home-Office uns nicht bieten kann, ist die Möglichkeit, direkt mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Das Thema ist selbstverständlich vielschichtig. Auf Wissen beruhende Arbeit lebt natürlich meist von Kollaborationen. Wo Menschen zusammentreffen, entsteht soziales Kapital. Wenn wir alle von zu Hause aus arbeiten, verschwindet das soziale Kapital, das ein Unternehmen ausmacht. Menschen müssen zusammenkommen, um einander kennenzulernen, einander zu treffen und Kontakte zu pflegen. Die Heimarbeit wird sicherlich in der Zukunft eine Rolle spielen, denke ich, aber den Gang in ein physisches Büro nicht ganz ersetzen. Es wird immer notwendig sein, die Menschen zusammenzubringen.

Wird die Technik verändern, wie Menschen mit Kollegen, Kunden oder Stakeholdern zusammenarbeiten?

Da die Technik sich ständig schneller entwickelt als Architektur, Möbelbau und Raummanagement, stehen wir vor Herausforderungen. Es gibt immer dieses Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten der Technik und dem, was im Arbeitsraum realistisch umsetzbar ist. Die Entwicklung der Technik wird wohl auch weiterhin den Status quo herausfordern und neue Wege für die Zusammenarbeit schaffen. Überhaupt glaube ich, dass die Zusammenarbeit und die Arbeitswelt allgemein durch den Fortschritt der Technik vereinfacht wurden. Tatsächlich ist die Technik der vielleicht größte Einfluss auf unser Arbeitsleben. Ich prognostiziere, dass in einem Jahrzehnt Formen von Zusammenarbeit möglich sein werden, die uns erstaunen. Ich denke, dass uns die Technik neue Arbeitsmodi geben wird, sodass Stift und Papier gewissermaßen ersetzt werden. Ein anderer Aspekt ist, dass wir mittlerweile alle in einem globalen Arbeitsraum leben. Geografisch ist die Welt kleiner geworden und hinzu kommt, dass in der Arbeitswelt viele Kulturen aufeinandertreffen. Der Markt für jeden ist ein Markt für alle. Wir müssen uns bewusst werden mit welcher Macht wir es hier zu tun haben und welche Gefahr dies in Hinblick darauf, was wir als Welt erreichen wollen, darstellt. Ich glaube die Menschen beginnen zu begreifen, dass die Globalisierung nicht nur gute Seiten hat, sondern auch Herausforderungen schafft, die nicht immer angenehm sind. Wir müssen beständig nach vorne schauen und versuchen unsere Umgebung zu verstehen. Wir sollten auch immer über die Zukunft nachdenken und versuchen dem Ganzen Sinn zu geben.

Tom ist Mitbegründer und Direktor des Londoner Designstudios PearsonLloyd. Er lernte Möbeldesign in Nottingham bevor er 1993 das Industrial Design-Studium am Londoner Royal College of Arts mit einem Mastergrad abschloss. Zusammen mit Luke Pearson gründete er 1997 PearsonLloyd. Der Fokus ihrer Arbeit konzentriert sich auf Design für die Industrie im Bereich der Möbelherstellung, des Transportsektors sowie für den öffentlichen Raum. PearsonLloyd ist bekannt für moderne Designs, die ästhetische Klarheit mit funktionaler und technischer Innovation verbinden.

 

 

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