Backbene

Menschsein in einer digitalen Welt – Ali Mahlodji



„Man muss lernen die Automatisierung zu seinen eigenen Vorteilen zu leben.“  Im Gespräch mit Ali Mahlodji über das Menschsein in einer digitalen Welt.

Ali du bist Gründer der Plattform WHATCHADO.COM auf der 65.000 Menschen aus über 100 Nationen über ihr Leben, ihren Job und ihren Werdegang erzählen. Wie gestaltest du deine Arbeit und was würdest du in Zukunft gerne anders machen?

Früher hatte ich mein Leben rund um die Arbeit gestaltet. In den letzten Jahren habe ich mir sehr viel Zeit dafür genommen die Arbeit um mein Leben zu gestalten. Ich habe gemerkt in der Arbeit mehr Zeit zum Denken und Reflektieren haben zu wollen. Arbeiten nicht immer dann erledigen zu müssen, wenn sie anfallen, sondern dann, wenn ich im Flow bin und Lust dazu habe. Einfach auf meinen Biorhythmus zu hören. Das alles ist in der Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen nicht vorgesehen. In unserer Arbeitswelt ist es einfach nicht schick, lange über die Aufgabe nachzudenken und dann erst loszulegen. Es ist immer noch eine Art Statussymbol viel beschäftigt und gestresst zu sein. Ich habe mir jetzt rausgenommen vom Reagieren ins Agieren zu kommen und das fühlt sich richtig gut an.

Wird sich die Arbeitswelt in diese Richtung entwickeln, wie wird es in 10, 20, 30 Jahren aussehen?
Ich denke, dass vor allem die starren Strukturen fallen werden: täglich von neun bis fünf im Büro hocken, auf 25 Tage Jahresurlaub warten, lebenslang in einer Firma arbeiten und dann mit 65 in Pension gehen. Die alten Mechanismen, die die Menschen in Sicherheit gewogen haben, gibt es nicht mehr. Heute ist die Arbeitswelt zum einen flexibler geworden – Jobs werden alle 5 Jahre gewechselt – und zum anderen ist sie weniger vorhersehbar geworden. Das World Economic Forum hat letztes Jahr eine tolle Studie herausgebracht, wo sie gezeigt haben, dass es 65 % der Jobs, die wir in 10 Jahren machen werden, heute noch gar nicht gibt. Deshalb sehe ich es in den nächsten Jahren als große Herausforderung im Bereich der Führung, Mitarbeiter in eine ungewisse Zukunft zu begleiten.
Generell wird sich die Arbeit immer persönlicher gestalten. Menschen werden von überallaus arbeiten können. Für Führungskräfte bedeutet das, dass sie mehr eine Art Coach als Befehlshaber sein werden müssen. Es wird darum gehen, Mitarbeiter auf den richtigen Weg zu bringen, sie nach ihren Fähigkeiten richtig einzusetzen und zu fördern. Der Markt und die Wirtschaft werden sich verändern und damit Unternehmen darauf reagieren können, müssen sie sich wendig und flexibel aufstellen.

Wie wird zukünftig die Zusammenarbeit in Unternehmen aussehen?
Die Kommunikation wird immer wichtiger werden. Aber im Sinne von Zuhören und Verstehen und nicht wie wir es derzeit handhaben – einer sagt etwas und das Wichtigste ist, sofort eine Antwort parat zu haben. Wir müssen wieder lernen zuzuhören: nicht nur die fachlichen Themen zu hören, sondern auch die „menschlichen“ Themen wahrnehmen. Wo liegen in Projekten bei den anderen Teamkollegen die Motivation, Visionen oder auch Ängste und Blockaden? Diese Kommunikation auf mehreren Ebenen im Team wird ein wichtiges Thema sein. Vor allem auch deshalb, weil wir zukünftig nicht mehr alle in einem Raum sein werden. Das heißt für mich, dass das persönliche Zusammentreffen – wo man sich dann auch gegenseitig spüren kann – immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. In einer Welt wo alles digital abläuft, wird das Zwischenmenschliche immer wichtiger.
Kann es in einer virtuellen Welt zukünftig überhaupt einen Raum für das Zwischenmenschliche geben? Die virtuelle Welt ist schon cool und sie wird noch cooler. Durch die Weiterentwicklung der Technologie (Grafik, Ton usw.) wird natürlich alles realitätsnaher. Es wird egal sein, ob man wirklich aus dem Flugzeug springt oder das mit einer VR Brille erlebt. Und so wird auch die Technologie dazu beitragen, dass man auch in virtuellen Räume ein echtes Raumgefühl bekommt. Dennoch wird es Meetings in realen Räumen geben müssen. Nicht um das Projekt zu besprechen, sondern um die zwischenmenschlichen Dinge zu klären, an gemeinsamen Visionen, gemeinsamen Mindsets zu arbeiten. Ein Kunde von mir, ein globaler Baukonzern, investiert heute schon und holt seine 150 Führungskräfte viermal im Jahr zusammen damit diese sich “in real life“ treffen und austauschen können. Letztes Jahr zum Beispiel drehten sich zwei Tage um das Thema Empathie: wahrnehmen, zuhören, fühlen.

Viele Experten behaupten, dass die Menschen durch die digitale Transformation keine Notwendigkeit mehr haben, arbeiten zu gehen. Maschinen und Algorithmen werden einen Großteil unserer Arbeit übernehmen. Die Menschen werden viel Freizeit haben. Werden jene, die dann trotzdem arbeiten möchten, noch zwischen Arbeit und Leben unterscheiden?
Ich glaube es geht auch heute schon darum, dort hinzukommen, wo wir unsere Lebens- oder Arbeitszeit wertschätzen. Dies gelingt nur, wenn man Arbeitszeit und Freizeit nicht voneinander getrennt sieht. In beiden Fällen ist man ja derselbe Mensch mit den gleichen Interessen, Wünschen und Ängsten. Ich bin nicht die Privatperson und die Berufsperson. Seine Zeit sollte man deshalb nicht in „Freizeit = schön“ und „Arbeitszeit = mühsam“ bewerten. Sondern in beiden zusammen einen persönlichen Sinn und Mehrwert finden. Das ist nicht die Aufgabe eines anderen uns dort hinzubringen, sondern eine ganz persönliche Einstellungssache.

Wie werden dann die Arbeitsverhältnisse zukünftig aussehen müssen? Für welche Unternehmen werden die Menschen zukünftig arbeiten?
Ich glaube, wenn wir eine Welt haben, wo sich die Menschen selber aussuchen können was sie wollen, dann werden Menschen nur noch für Unternehmen arbeiten, wo sie das Gefühl haben, durch die Organisation etwas schaffen zu können, das sie alleine nicht schaffen. Viele Menschen werden selbstständig arbeiten, auch wenn das extrem hart ist. Aber sie wollen nicht mehr zurück in ein Angestelltenverhältnis, wo sie fragen müssen, ob sie morgen mal später kommen dürfen oder Urlaub machen können. Ich bin davon überzeugt, dass sich zukünftig Experten aus Unternehmen aus unterschiedlichen Bereichen zusammensetzen werden, die ihren Job gerne machen. Und wenn sie diese Talente halten wollen, dann müssen sie etwas dafür tun.
Du stellst absolut den Menschen in den Mittelpunkt. Manchmal hat man das Gefühl mit den ganzen Schlagwörtern wie Digitalisierung, Technokratisierung, dass der Mensch an Bedeutung verliert.
Die Sache ist die: die Maschinen wurden nicht von Maschinen erfunden, sondern immer noch von Menschen, die manche Aufgaben einfach nicht mehr erledigen wollten. Arbeiten werden heute an Maschinen ausgelagert. Leider vergessen wir dabei mehr und mehr unser eigenes Potenzial und werden abhängig von den Dienstleistungen der Maschinen. Wer kann sich heute noch lange Telefonnummern merken? Das Eigenartige daran ist, dass trotz Unterstützung die Menschen immer gestresster sind und das Gefühl haben, noch weniger Zeit für sich zu haben. Die Menschen passen sich an die Digitalisierung an, aber ich denke es sollte anders rum sein. Man muss lernen die Automatisierung zu seinen eigenen Vorteilen zu leben.
______________________________
Ali Mahlodji war Flüchtling und Schulabbrecher. Hatte über 40 Jobs, von der Putzhilfe bis hin zum Manager und Lehrer. Er ist Co-Gründer von WHATCHADO, EU Jugendbotschafter, EU Ambassador For The New Narrative und seit 2017 Buchautor.
Und ja, er versucht die Welt zu retten (kein Scherz)!

Ali hält international zahlreiche Vorträge und Keynotes. 2017 hat er das Buch “Und was machst Du so? Vom Flüchtling und Schulabbrecher zum internationalen Unternehmer“ herausgebracht. 2019 erscheint der WORKREPORT, herausgegeben vom Zukunftsinstitut.

LIVE WEBINAR mit Ali am 13. September 2018 um 11 Uhr. Hier gleich anmelden!

http://bene.com/de/office-magazin/live-webinar-das-zeitalter-der-potentialentfaltung/

http://ali.do
http://whatchado.com

 

 

THE
FUTURE
OF
WORK


Report herunterladen
Idealab Image

Raum für Ideen

Idealab Logo

Mehr erfahren

Haben Sie Fragen?

Wir freuen uns von Ihnen zu hören