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Computer können mit neuen Situationen nicht umgehen – Prof. Dr. Christoph E. Mandl



„Computer können mit neuen Situationen nicht umgehen. Die Menschen sind jedoch darauf codiert sich weiterzuentwickeln.“

Im Gespräch mit Univ. Prof. Dr. Christoph E. Mandl über die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Maschinen und über die Unvorhersehbarkeit der Zukunft.

In Ihrem Buch „Auf der Suche nach Industrie-4.0-Pionieren“ setzen Sie sich mit den Themen Digitalisierung, Hochautomatisierung, Robotik, Vernetzung und 3D-Druck auseinander und wie diese Entwicklungen unter anderem die Arbeitswelt verändern. Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen? Werden tatsächlich überall die Hierarchiegrenzen aufgelöst und die partizipative Zusammenarbeit gefördert?
Ich erkenne hier zwei Lager. In den rein wissensbasierten Unternehmen, die ich mir für mein Buch angesehen habe, Google, Apple, McKinsey usw. läuft es in Richtung mehr Zusammenarbeit, bessere Art von Kommunikation untereinander, weniger hierarchisch orientiert. Aber es gibt auch das Gegenteil dazu. Klassische Unternehmen wie z.B. die gesamte Energieindustrie, sind und bleiben weiterhin sehr hierarchisch und fast militärisch organisiert.

Warum gibt es hier zwei unterschiedliche Entwicklungen?
Weil es in Branchen wie der Software- und Pharmaindustrie, im Bereich Gesundheitswesen etc. – wo die Haltbarkeit des Wissens sehr kurz ist und die Innovationskraft über den Erfolg des Unternehmens entscheidet – hauptsächlich darum geht, sich sehr rasch mit veränderten, technologischen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Das kann nicht von oben delegiert werden. Im Kohlebergbau hingegen, da gibt´s nicht viele neue technologische Entwicklungen, da geht´s darum, dass möglichst effizient und rasch gearbeitet wird. Unternehmen, die sich nicht über Innovationskraft messen müssen, sondern durch Produktivitätszugewinne, sind zum Großteil sehr strikt, fast gleich einem militärischen Betrieb geführt. Bei Ersterem muss die Komplexität des Wissens auf eine sehr breite Basis gestellt werden, nämlich auf die Mitarbeiter. Da braucht man keine Mitarbeiter, die Dienst nach Vorschrift machen, sondern Leute die u.a. neue Anregungen für Innovationen bringen.

Momentan gibt es noch viele physische Produkte, die in den Unternehmen erzeugt werden. Digitale Geschäftsmodelle sind aber auf dem Vormarsch. Welche Technologien haben das Potenzial unsere Arbeitswelt in den nächsten Jahren auf den Kopf zu stellen?
Ich denke, dass die 3D-Drucker etwas sind, deren Potenzial sicherlich noch lange nicht ausgereift ist. Auch der Bereich Elektronik und Software wird kontinuierlich weiterentwickelt. Maschinen, von Smartphones bis zu Sägen, die mit immer mehr Intelligenz ausgestattet werden und auch einfacher zu bedienen sind. Das verändert die Interaktion zwischen Mensch und Maschinen und damit auch ihre Einsatzgebiete und Möglichkeiten. Und je mehr Menschen Technologie nutzen können, desto preiswerter wird sie. Im Bereich Energie wird heute schon prognostiziert, dass die erneuerbaren Energien die klassischen fossilen Energien ablösen werden. Das führt natürlich zu einer massiven Veränderung in der Wirtschaft. Viele Unternehmen wird es dann einfach nicht mehr geben oder sie werden andere Produkte auf den Markt bringen. Im Bereich Gesundheit gehe ich von erheblichen Verbesserungen aus. Z.B. im Bereich der Infektionskrankheiten, Krebserkrankungen usw., wo es derzeit ziemliche Know-How Engpässe gibt, wird sehr intensiv gearbeitet und geforscht. Entscheidend wird sein, wohin die meisten Forschungsgelder fließen – dort werden die größten Veränderungen passieren. Ich vermute das wird in den Sektoren Gesundheit und Energie sein.

Künstliche Intelligenz: Werden Maschinen und Roboter einmal die Macht übernehmen?
Die Darstellung, dass Maschinen und Roboter irgendwann mal die Macht übernehmen, ist Science Fiction, vollkommen irreführend und reine Angstmacherei. Um Macht ausüben zu können, müssten Maschinen einen freien Willen haben, die Fähigkeit selbst zu lernen, sich selbst zu adaptieren und sich bei Störungen zu heilen. Das sind Qualitäten, die wir Menschen haben, die derzeit kein einziger Roboter, egal wie intelligent er ist, auch nur annähernd mitbringt. Ich sehe nicht mal am Horizont, wie man solch eine Maschine konstruieren könnte. Ein gutes Beispiel, um dieser Fiction entgegen zu halten, ist die Fähigkeit eine Sprache zu lernen. Es wird seit Jahrzehnten an einem guten Übersetzungsprogramm gearbeitet. Und obwohl sehr viel Geld in Programme, wie Google Translate und Co fließt, ist das Ergebnis bei weitem nicht befriedigend. Das heißt, wir werden es in einem überschaubaren Zeitraum auch nicht schaffen Roboter zu bauen, die von ihrer Bewegungsfähigkeit, Flexibilität und von ihrer Denkleistung auch nur in die Nähe der menschlichen Fähigkeit zu Lernen kommen. Natürlich gibt es Computer, die Arbeiten schneller und genauer erledigen als Menschen, aber dabei handelt es sich immer um klar regulierte Aufgaben ohne Notwendigkeit, sich selbstständig weiter zu entwickeln.

Trotzdem neigt der Mensch gerne dazu, der Maschine mehr zu vertrauen, als sich selbst oder anderen Menschen. Vielleicht geben wir irgendwann einmal aus Bequemlichkeit unseren Willen ab, an eine Maschine, die für uns Entscheidungen trifft und uns sagt was richtig oder falsch ist?
Auch jetzt schon können Arbeiten an Maschinen delegiert werden, die diese besser erledigen können als der Mensch. Aber eben nur Spezialarbeiten, denen ein Algorithmus hinterlegt werden kann. Fachleute wissen, dass Computerprogramme immer Fehler machen. Das heißt, es ist zu überlegen in welchen Bereichen es Sinn macht Aufgaben zu delegieren und wo nicht. Arbeiten, wo es um das Lösen von unvorhersehbaren Problemen geht, wo Intuition und Kreativität notwendig sind, werden weiterhin nur von Menschen erledigt werden. Stellen Sie sich vor in einem Flugzeug kommt es zu einer Komplikation auf die der Computer nicht programmiert ist. Da wird der Computer anders als ein Pilot nicht versuchen eine Lösung zu finden, sondern mit „Error“ antworten. In diesem Fall ist es mir lieber im Flugzeug sitzen zwei top ausgebildete Piloten. Im Bereich Industrie 4.0 habe ich auch noch keinen Roboter gesehen, der sich um die Instandhaltung kümmert, d.h. es gibt keinen Roboter der fähig ist, andere Roboter zu reparieren. Das wird auch nicht so schnell möglich sein, denn auch hier braucht es einen kreativen Geist, der fähig ist, eine noch nie dagewesene Störung auf die beste und schnellste Art zu beheben. Computer können mit neuen Situationen nicht umgehen. Der Mensch ist jedoch darauf codiert, sich weiterzuentwickeln. Wir nennen das Evolution.

Das heißt, die Chancen und Möglichkeiten durch neue Technogien werden generell überbewertet. Werfen wir einen Blick in die Zukunft, ausgehend von unserer jetzigen Erfahrung und unserer Sozialisation. Wie werden Erlössysteme aussehen? Wie werden wir in Zukunft Geld verdienen? Wie werden sich Leadership und Managementsysteme zukünftig verändern?
Ich verstehe den Wunsch nach einem Kochrezept für die Zukunft, aber in der Realität haben wir keine homogene Gegenwart und damit auch keine homogene Zukunft. Unternehmen wie Google und British Petroleum könnten nicht unterschiedlicher sein, dennoch agieren beide sehr erfolgreich am Markt. Strategien müssen immer firmenspezifisch entwickelt werden. Industrie 4.0. zum Beispiel ist ein Zukunftsprojekt und kein Produkt das man kaufen und implementieren kann. Wichtig ist hier das firmen-und branchenspezifische Know How und das Wissen über die eigenen Möglichkeiten. Das gilt auch für den Bereich Management. Das Führungsverständnis muss sich weiterentwickeln, aber eben individuell auf das Unternehmen zugeschnitten. Ein international agierender Konzern wird anders als ein regionaler Betrieb operieren. Aus meiner Sicht kann man keine Zukunftsprognosen abgeben, sondern maximal Trends abschätzen. Immer unter dem Vorbehalt, wie Systeme insgesamt auf die Trends reagieren.

Mit dem Future of Work Report wollen wir nicht eine Antwort geben, sondern für die Leser viele unterschiedliche Sichtweisen einfangen und nebeneinander stehen lassen. Wie können sich Unternehmen Ihrer Meinung nach auf die Zukunft vorbereiten?

Die Zukunft ist nicht vorhersehbar. Wir wissen heute nicht, welche Art von Technologien in den nächsten 30 Jahren entwickelt werden. Wir wissen nicht, wie die Märkte z.B. auf den Klimawandel reagieren werden, wenn sich dieser massiv bemerkbar macht und wir wissen heute nicht, wie Menschen auf bestimmte Möglichkeiten, Angebote, Umweltveränderungen reagieren werden. Dass die Zukunft nicht prognostizierbar ist, schafft natürlich einen immensen Handlungsspielraum für Manager, denn es steht jedem Manager frei, seine eigene Zukunft zu gestalten. Wenn ein Unternehmer sagt, wir orientieren uns an Prognosen, dann ist das bereits ein Abgeben von der eigenen Gestaltungsfähigkeit. Die Aufgabe von Führungskräften sehe ich in der Gestaltung der eigenen Zukunft. Wie die aussieht ist sehr individuell und jedes Unternehmen muss diese für sich selbst entwickeln bzw. gestalten. Viele Unternehmen müssen sich die Frage stellen, ob ihr Businessmodell auch in Zukunft das gleiche bleiben soll oder ob es Sinn macht, seine Geschäftsfelder zu verändern oder zu erweitern. In einigen Geschäftsfeldern hat das Thema Shared Economy bereits hochspezialisierte Börsen etabliert. Denken Sie an Uber, Airbnb und CarSharing Anbieter. Das spannende daran sind die sinkenden Transaktionskosten und Grenzkosten, die gegen null gehen mit einer Skalierbarkeit, die extrem schnell funktionieren kann, ohne Ressourcen zu besitzen. Auf der Kundenseite lernt dieser gerade, in einer vermeintlichen „Gratis-Economy“ seine Daten gegen Dienstleistungen/Informationen zu tauschen. Momentan ist uns überhaupt noch nicht bewusst, was für eine starke Währung unsere Daten sind und was wir alles damit bezahlen. Ich könnte mir vorstellen, dass in den nächsten Jahren der Wert der persönlichen Daten enorm steigen wird und wir in 30 Jahren vielleicht weniger an Geld sparen, dafür aber an der Freigabe unserer Daten. Oder es stellt sich heraus, dass diese Angstmacherei rund um die persönlichen Daten völlig sinnlos ist und wir alle eh nur davon profitieren. Ich bin gespannt.

Prof. Dr. Christoph E. Mandl
Dr. Christoph E. Mandl hat an der Technischen Universität Wien Technische Mathematik studiert und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich als Dr.sc.math. promoviert. Er ist Gründer und Leiter des Beratungs- und Forschungsunternehmens Mandl, Lüthi & Partner und unter anderem Universitätsprofessor an der Universität Wien. Derzeit unterstützt Christoph E. Mandl Projekte in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen in den Bereichen „Informations- und Wissensmanagement“, „Innovations- und Technologiemanagement“ sowie „Gestaltung von Planungs- und Steuerungsprozessen“. Sein besonderes Interesse gilt dem Team- und Großgruppen-Lernen mit Hilfe von Dialog, Open Space Technology und Metalogkonferenz.

Buchtipp: „Auf der Suche nach Industrie-4.0-Pionieren. Die vierte industrielle Revolution im Werden.“ von Mandl Christoph

 

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