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Ideen durch Vernetzung – im Gespräch mit Dr. Peter Schuhmacher



„Vor 100 Jahren konnten Einstein und Co noch alleine Themen bearbeiten. Heute ist die Welt komplexer: Ideen entstehen nicht mehr im Alleingang, sondern aus der Vernetzung.“

Interview mit Dr. Peter Schuhmacher, Leiter Process Research & Chemical Engineering BASF

Sie sind Forschungsleiter bei BASF, einem weltweit führenden Chemieinstitut, und für 15 Standorte verantwortlich. Wie sehen Sie die Chancen, dass wir durch die Digitalisierung zukünftig vermehrt virtuell zusammen arbeiten können?

Wenn es um die Digitalisierungsthematik geht, vermute ich, dass vieles digitalisiert und entpersonalisiert werden kann. Doch man muss an das Thema je nach Situation anders herangehen. Eine Teambesprechung findet bei uns bereits heute über moderne Videokonferenztechnik statt. Das wird auch schon zur Routine, zumindest in der Forschungsabteilung. Der Altersdurchschnitt im Team liegt aber auch deutlich unter 35, die Mitarbeiter sind es also gewohnt, solche Medien zu nutzen. Auf Managementebene allerdings, wo Führungskräfte selbst 300-500 Mitarbeiter führen, sind die Themen häufig sehr komplex. Hier braucht es meiner Meinung nach noch immer Management Break-Outs, wo in ein oder zwei Tagen Klausur schwierige und komplexe Inhalte wie z. B. Unternehmenskulturthemen intensiv und auch kontrovers diskutiert werden müssen. Das können Sie nur schwierig über eine Videokonferenz oder einen Chat gestalten. Es gibt für mich verschiedene Situationen, wo es nach wie vor zwischenmenschlich bleiben muss.

Wenn Teambesprechungen jetzt auch schon über Videokonferenzen laufen und durch die voranschreitende Technologisierung automatisierte Prozesse mit Maschinen organisiert werden, welche Rolle spielt dann eigentlich zukünftig noch das Büro?

Wenn man Büros von heute mit Büros von vor 30 Jahren vergleicht, sieht man deutliche Unterschiede – weg von Einzelbüros hin zu offenen Strukturen mit einem ausgleichenden Verhältnis von Individualarbeitsplätzen zu Teamräumen. Dazugekommen sind eine Anzahl von Besprechungs- und Sozialräumen, wo sich Mitarbeiter treffen und austauschen können. Ich denke, die Entwicklung wird sich in diese Richtung weiterbewegen. Durch den Betreuungsbedarf in Labors, Pilotanlagen und in der Produktion durch geschulte Mitarbeitern ist die persönliche Präsenz am Arbeitsplatz bei uns in der BASF bzw. in unserer Branche weiterhin notwendig, trotz Digitalisierung und Automatisierung. Das Büro bleibt damit zumindest in den nächsten zwei Jahrzehnten immer noch eine notwendige Zentrale, die sich allerdings wandeln muss: es muss sowohl Begegnung als auch Rückzug ermöglichen. Ich bin davon überzeugt, dass es gerade im Forschungs-und Entwicklungsbereich notwendig ist, dass Teams hier die Köpfe zusammenstecken und kreativ werden. Vor 100 Jahren konnten Einstein und Co noch alleine Themen bearbeiten und mit ihren Ideen Durchbrüche schaffen. Heute sind Welt und Wissenschaft komplexer. Ideen entstehen nicht mehr im Alleingang, sondern aus der Vernetzung. Deswegen brauchen wir gerade heute in der Forschung interdisziplinäre Teams. Der Ingenieur muss mit dem Biotechnologen, dem Physiker und dem Chemiker zusammenarbeiten, um an innovative Ideen und Lösungen zu kommen. Da sehe ich noch nicht, wie man das digitalisieren könnte. Deswegen muss man diese Leute auch in einem offen gestalteten Arbeitsumfeld zusammenbringen.

Das heißt, Forschung und Innovation haben sehr viel mit menschlicher Kreativität zu tun. Welche Potenziale sehen Sie hier im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz?
Im Bereich der Forschung zieht das Thema bereits ein. Zum einen werden Labore immer stärker automatisiert. Die Laboranlage zum Beispiel muss nachts niemand mehr betreuen, das machen Roboter. Treten Probleme auf, wird die Info z. B. via SMS an die zuständige Person zuhause gesendet. Diese entscheidet dann, ob es sofort notwendig ist, ins Labor zu fahren, um das Problem zu beheben. Zum anderen sind bereits viele weitere digital unterstützte Methoden in die Forschung eingezogen. Zum Beispiel das intelligente Datenmanagement, wo Berge an Daten aus dem Labor mit Algorithmen aufbereitet werden und Erkenntnisse gewonnen werden können, die über klassische Datenanalyse nie zugänglich wären. Auch die die enorme Rechenleistung von sogenannten „Supercomputern“ erlaubt es in unserer Branche beispielsweise bereits, am Computer Anregungen für neue Materialien oder extrem komplexe Stoffwechselvorgänge in der Biotechnologie zu designen. Das kann kein Mensch. Die computerunterstützte Wissenschaft wird rapide wachsen und sich zunehmend beschleunigen.

Denken Sie, dass sich Entlohnungssysteme durch Digitalisierung und durch maschinelle Arbeitskräfte verändern werden müssen? Wofür werden Mitarbeiter zukünftig ihr Gehalt beziehen – und in welcher Höhe? Für mich ist eher die Frage, wie man Mitarbeiter motiviert. Bei uns im Forschungsbereich sehe ich zum Beispiel, dass unsere jungen Mitarbeiter viel stärker den Zweck und dem Sinn ihrer Arbeit für die Gesellschaft hinterfragen. Mit dem Anspruch, wirklich etwas in der Welt bewegen zu können, kann man die Leute heute wieder anders ansprechen, anders begeistern! Elektromobilität beispielsweise ist bei uns gerade ein großes und spannendes Thema, bei dem viele Mitarbeiter ihre Motivation aus der Sache selbst gewinnen. Schwieriger ist es allerdings in den letzten Jahren geworden, Mitarbeiter auch für konservative Themen mit einer geringeren gesellschaftlichen Reichweite zu begeistern – wie z. B. notwendige sicherheitstechnische Untersuchungen beim Bau von Chemieanlagen oder die Optimierung von Farbstoffen oder anderen etablierten Produkten. Hier sind meiner Meinung nach nicht nur neue Entlohnungssysteme gefragt, sondern vor allem Änderungen in der Führungskultur!

Dr. Peter Schuhmacher President Process Research & Chemical Engineering
Peter Schuhmacher wurde 1965 in Flörsheim am Main geboren. Ab 1985 studierte er Chemie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und an der University of Amherst/Massachusetts,
USA. Er erhielt 1991 sein Diplom und promovierte 1995 an der Universität Mainz – nach einem Forschungsaufenthalt am Scripps Research Institute in San Diego/Kalifornien, USA.

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