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Der Wertewandel in unserer Gesellschaft – Dr. Erhard Grossnigg



„Computer werden uns Ergebnisse liefern, aber der Mensch sollte immer in der Lage sein die Plausibilität dieser hinterfragen zu können und das dann auch tun.“ Im Gespräch mit Dr. Erhard Grossnigg über den technologischen Fortschritt und den damit verbundenen Wertewandel in der Gesellschaft.

Was denken Sie, was werden die großen Veränderungen in den nächsten Jahren sein, wenn man an das Arbeiten und Unternehmertum denkt?

Neben den Möglichkeiten und Chancen, die die Digitalisierung mit den Entwicklungen des Internet of Things, Automatisierung, Robotik etc. mit sich bringen, sehe ich eine wesentliche Veränderung in der generellen Steigerung des Tempos. Früher hatte man eine Generation lang Zeit um sich auf Veränderungen einzustellen, heute ist es bestenfalls nur noch ein Viertel einer Generation. Das hat zur Folge, dass man viel schneller auf Veränderungen reagieren muss.

Jetzt führen technische Entwicklungen einerseits dazu, dass sie die Welt beschleunigen, andererseits aber nehmen Maschinen dem Menschen mehr und mehr Arbeiten ab. Was trauen Sie der künstlichen Intelligenz zu? Wie weit kann diese die menschliche Arbeit wirklich ersetzen?

Ich habe vor 30 Jahren in den USA studiert und schon damals hat man sich mit dem Thema der künstlichen Intelligenz intensiv auseinandergesetzt. Aus meiner Sicht aber, ist man in diesem Bereich bei weitem nicht soweit den Menschen und dessen Komplexität von Maschinen ersetzen zu können. Ich bezweifle auch, ob das jemals möglich sein wird. Aber wenn ich z.B. an die Bauindustrie denke und die Möglichkeiten hier mit Hilfe von Virtual und Augmented Reality ganze Gebäude erlebbar machen zu können ­­– und zwar vor Baubeginn, dann sind die Rechen- und damit Arbeitsleistungen von Maschinen dem Menschen natürlich überlegen und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben enorm.

Braucht man in einer virtuellen und digitalen Welt eigentlich noch Bürogebäude zum Arbeiten oder Shops zum Einkaufen?

Erst vor kurzem hat mir ein junger Mann erzählt, dass er die Shops in der Stadt nur noch zum „probieren“ nutzt. Seine Produkte kauft er dann zu Hause online, weil er die Einkaufstaschen nicht durch die Stadt tragen möchte. Das Online Shopping bietet neben einer Preistransparenz auch noch einen Bequemlichkeitsfaktor. Da stellt sich für mich allerdings die Frage: Wenn heute die Bürger nur noch auf ihre Rechte pochen, aber nicht mehr an Ihre Pflichten denken, wer trägt dann schlussendlich die soziale, wirtschaftliche und politische Verantwortung?

Ich bin ganz Ihrer Meinung. Vor allem im Bereich der sozialen Medien sehe ich da eine Schieflage. Anstatt vernünftige Diskurse zu führen wird jedes Thema nur noch mit kurzen Statements kommentiert – schwarz, weiß.

Hierzu fällt mir sofort ein interessantes Buch „Die Kunst des guten Lebens“ vom Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli ein der darin meint, dass es eine ungemeine Erleichterung bringen würde, wenn die Menschen nicht die Verpflichtung spüren würden, zu allem eine Meinung haben zu müssen. In Wahrheit können wir auch gar keine Meinung zu allem haben, sondern sind mit vielen Fragenstellungen schlichtweg überfordert. Diskurse würden seiner Meinung nach an Qualität und Relevanz gewinnen, wenn sich die Leute dort einbringen würden, wo sie sich tatsächlich auskennen und dort ausklinken würden, wo sie über zu wenig Wissen und Erfahrung verfügen.

Was denken Sie, was wird in der Arbeitswelt trotz Technologisierung gleich bleiben?

Das Emotionale wird bleiben. Ob man mit dem Menschen in der Zusammenarbeit – sei sie digital oder analog – auskommt oder nicht. Das hängt natürlich auch sehr von den aktuellen Lebensumständen und der eigenen Persönlichkeitsstruktur, wie Herkunft, Erziehung, Wertekonzepte usw., ab. Den Menschen kann man nicht versachlichen, denn dann würde er auch keine Beziehungen mehr führen können. Die Emotionen werden bleiben.

Teilen ist aktuell ein großer Trend und auch mit großen Emotionen verbunden – wie beurteilen Sie diesen Trend?

Ich kenne das Thema zum einen aus dem Bereich Wohnbau in den USA wo „Gemeinschaftswohnhäuser“ entwickelt werden um leistbare Wohnungen anbieten zu können. Das Konzept ist, dass es kleine private Wohneinheiten mit Schlafzimmer, Arbeitszimmer und Bad gibt. Und geteilte Räumlichkeiten, wie ein großes Wohnzimme und eine Küche, die gemeinschaftlich genutzt werden. Dort kocht man zusammen oder sieht zusammen fern. Auch für Europa sehe ich diesen Trend, da im Gegensatz zu früher heute die Anschaffung von Eigenheimen mit 120qm oder mehr nicht mehr leistbar ist. Selbst für gut ausgebildete Menschen mit gutem Einkommen. Mit Skepsis sehe ich die Entwicklungen im Bereich der Shared Workspaces. Ich höre immer wieder von Leuten, dass das Konzept der geteilten Arbeitsplätze zu einer Verschlechterung des Arbeitsklimas führt, weil dadurch ein wichtiger Rahmen und Beständigkeit im Büroalltag verloren geht. Andere wiederum sagen, sie finden es klasse, dass die Vorstände alle in einem Großraumbüro sitzen. Fakt ist aber, dass sich Statussymbole wie Einzelbüros oder Autos auflösen und zu Gebrauchsgegenständen werden.

Hat also jede Generation eine andere Wertehaltung?

Ja so sehe ich das. Die jungen Menschen sind heute mehr daran interessiert einen schönen Körper zu haben und investieren hier Zeit und Geld. Dazu kommt, dass für die junge Generation heute im Vergleich zu den Nachkriegsgenerationen viel da ist. Von der staatlichen Infrastruktur bis zum persönlichen Wohlstand durch Erbschaften. Das wirkt sich auf die Persönlichkeitsstruktur und damit auf die Lebensweise aus, und führt damit auch zu Veränderungen in der Arbeitswelt. Heute soll alles möglichst praktisch und einfach sein.

Die Digitalisierung und Automatisierung entsprechen auch in gewisser Weise diesem Wunsch.

Nicht in jedem Punkt. Die Welt ist viel komplexer. Vieles ist heute komplizierter als noch vor 50ig Jahren. Denken Sie z.B. an die Steuererklärung. Da brauchen Sie heute schon einen Spezialisten, weil die Gesetzesflut so enorm ist. Für mein Empfinden ist die Freiheit der Menschen rapide am Abnehmen. Mit der Regulierungswut, die wir in allen Bereichen haben, schränken wir uns die Freiheit massiv ein. Und die gewinnen wir nicht durch flexible Arbeitszeiten oder Möglichkeiten des Home-Office zurück.

Alles ist also im Wandel in dieser volatilen, unsicheren und komplexen Zeit, wo man als Unternehmen nicht mehr wirklich planen kann.

Ja, das ist so. Früher hat man Jahresplanungen gemacht, die machen wir heute auch noch. Nur das Vertrauen in diese Dreijahresplanung ist ein andere. Wir müssen heute viel schneller reagieren, weil sich die Welt viel schneller ändert. Und das ist ja auch normal und sinnvoll. Aber wichtig ist dabei für mich der Hausverstand. Wir müssen wieder mit Hausverstand an die Dinge rangehen. Computer werden uns Ergebnisse liefern, aber der Mensch sollte trotzdem immer noch in der Lage sein die Plausibilität dieser hinterfragen können und das dann auch tun.

 

Dr. Erhard F. Grossnigg ist ein österreichischer Unternehmer und „Paradesanierer“. Als Absolvent der Hochschule für Welthandel in Wien arbeitete er bei der Chase Manhattan Bank in Wien, New York City, Paris und Düsseldorf und war danach geschäftsführender Gesellschafter der Donau-Finanz Treuhand- und Finanzierungsgesellschaft mbH & Co. KG in Wien. 1980 wurde Erhard Grossnigg promoviert und ist seit 1979 geschäftsführender Gesellschafter der E. F. Grossnigg Finanzberatung und Treuhandgesellschaft mbH., die als Geschäftsgegenstand Unternehmenssanierungen hat. Erhard Grossnigg ist außerdem Gründungsgesellschafter der Austro Holding GmbH, die als Dachgesellschaft Beteiligungen an zahlreichen österreichischen Unternehmen hält.

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