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Talk to David Lessard – Die Zukunft ist human-centric



Die Zukunft ist human-centric – ein Interview mit David Lessard

David Lessard ist Mitgründer und Leiter für Design bei H+A, das Architekturbüro hat sich auf Wohnkonzepte für die Bereiche Gastgewerbe, Wellness und Lifestyle-Wohnbau spezialisiert.

Wie beeinflusst der digitale Wandel das Design von Büroräumen?
Der digitale Wandel ist ein unvermeidbarer Schritt in Richtung technologischen Fortschritts, und in Wahrheit mehr pragmatisch als innovativ. So wie die Schotterwege für Pferdekutschen früher oder später Hochgeschwindigkeitsstraßen mit asphaltierten Oberflächen für Autos weichen mussten. Als Designer müssen wir kaum etwas dafür tun und trotzdem wird der digitale Wandel seinen Weg zu uns finden. Dies betrifft eigentlich eher IT-Experten und weniger den Designbereich.

Es ist eher ein Zufall als eine natürliche Konsequenz, dass in den letzten Jahren das Thema „Gesundheit und Wohlbefinden“ seinen Weg in den beruflichen Bereich gefunden hat; vielleicht als Gegenmaßnahme zu den endlosen Stunden, die man vor dem PC verbringt. Es fällt aber auch zufällig mit der Forschung über die Auswirkungen von fehlender Bewegung, von Stress und mangelndem natürlichen Licht am Arbeitsplatz zusammen. Wir wissen seit den 1950ern, dass solche Einflüsse schädlich für unsere Gesundheit sind, doch es hat fast 50 Jahre gedauert, bis sie in den architektonischen Diskurs aufgenommen wurden.

Es ist ganz wichtig, dass man eine Balance hält zwischen dem Digitalen und dem Menschen. Technologie ist zwar ein Werkzeug, das den Arbeitsplatz prägt, sollte aber nicht der einzige Aspekt sein, der über die Eigenschaften des Arbeitsplatzes bestimmt, egal wie transformativ dieses Werkzeug zu sein scheint.

Denken Sie, dass Designer sich in Zukunft spezialisieren müssen?
Ja, Designer werden sich stärker spezialisieren müssen – besonders auf die Gestaltung von Arbeitsplätzen – aber auch auf die Bereiche Gesundheitswesen, Gastgewerbe und Wohnbau. Es gibt einen erhöhten Bedarf an Innovation, während gleichzeitig schnell und günstig geliefert werden muss.  Wenn die Zeit nicht reicht, verlässt man sich unweigerlich auf etablierte, bewährte Ideen. Dadurch wird zwar das Risiko minimiert, aber gleichzeitig die Kreativität erstickt und das führt unweigerlich zu einem Mangel an Innovation. Nur durch eine Spezialisierung und einer tiefgehenden Kenntnis in einem bestimmten Bereich können wir sichergehen, dass sich Innenarchitektur mit den wesentlichen Aspekten des Arbeitsplatzes beschäftigt. Das gibt uns auch die Zeit, den Raum und das Budget dazu, neue Ideen zu entwerfen, die neue Standards für zukünftige Arbeitsplätze setzen.

Wird Design irgendwann zu einem Verbrauchsprodukt werden; eine bausteinartige Lösung, statt schlüsselfertige Ergebnisse zu liefern?
Design ist bereits eine Ware – auf mehreren Ebenen. Der Verfügbarkeitsfehler (Availability Bias), den wir bei der Verarbeitung von Informationen begehen, erweckt in unserer Branche den Eindruck, dass an allen Projekten Designer beteiligt sein müssen, aber das stimmt so nicht. Ja, wenn Apple ein neues Hauptquartier in Auftrag gibt, suchen sie nach den Meistern unserer Zeit. Sie möchten ein architektonisches Symbol konzipieren, haben ein schier unendliches Budget zur Verfügung und haben zum Ziel, Maßstäbe für die Zukunft zu setzen. Doch was ist mit dem Großteil der Welt, den kleinen Unternehmen, die statistisch gesehen den Hauptanteil des weltweiten BIP ausmachen?
Wo Designer wirklich gebraucht werden und etwas bewirken können, ist im Bereich der KMUs in aufstrebenden Märkten. Designer müssen einen Weg finden, ihre Leistungen hier gewinnbringend anzubieten.

Viele scheinen zu denken, dass das physische Büro in der Zukunft an Bedeutung verlieren wird. Wie muss sich das Büro anpassen, um auch in Zukunft relevant zu bleiben?
Mir scheint, dass Büros seit 50 Jahren mit der Einstellung eingerichtet werden, dass sie nur vorübergehend genutzt werden. Dieses Phänomen wurde durch die jüngsten Diskussionen über die Zukunft der Arbeit verstärkt, die sich auf vielfältige Karrierewege, Automatisierung, Umsatzsteigerung, dezentralisierte Produktion und Coworking-Trends konzentrierten. Mit einem immer stärkeren Einzug von Genetik, Neurowissenschaft und Psychologie in den Arbeitsplatz können wir Designer nicht weiterhin einen allgemeinen, einheitlichen Ansatz verfolgen. Stattdessen müssen wir Möglichkeiten finden, individuell zu designen. Das 21. Jahrhundert ist ein humanistisches Zeitalter. Es herrscht ein breites Verständnis davon, wie wir arbeiten, kommunizieren, uns sozialisieren und weiterentwickeln möchten.
Unsere Umgebung beeinflusst unsere Gefühle, unser Verhalten und unser allgemeines Wohlbefinden. Wie können wir, mit diesem Wissen ausgestattet, Form und Materie neu definieren, um Sozialisierung, Produktivität und Gesundheit auf ein höheres Niveau zu bringen? Das sind die wesentlichen Fragen, die derzeit größtenteils ignoriert werden, die aber die Eigenschaften des Büros der Zukunft definieren werden.

Wie wird das Büro der Zukunft aussehen?
Ich glaube nicht, dass Büros ihren Status als Zentrum des Arbeitsalltags verlieren werden. Flexibleres Arbeiten, kombiniert mit dem vermehrten Aufkommen von KI und Technologie, bedeutet nicht das Ende des Arbeitsplatzes oder des Büros als solches – genau das Gegenteil! Wir müssen daran denken, dass die G7-Staaten 40 % des weltweiten BIP mit nur 10 % der Weltbevölkerung generieren. Was wird passieren, wenn die unteren 90 % sozial mobiler, gebildeter und motivierter werden, und beginnen an der globalen Wirtschaft teilzunehmen? Was wird passieren, wenn die Vorhersage der UN eintritt, dass bis 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten wohnen wird – was nach ihren Berechnungen fast 5 Milliarden Menschen sein werden?
Mit der Entstehung neuer Wirtschaften wird sich auch die Nachfrage nach Arbeitsplätzen verändern – insbesondere wenn man davon ausgeht, dass die zukünftige Wirtschaft wissensbasiert sein wird. Steigende Bevölkerungszahlen werden unweigerlich einen Anstieg der Industrie, des Transports und der Nahrungsproduktion erforderlich machen.
Ich bin mir der KI-Revolution bewusst und dass die Hälfte der Jobs auf der Welt laut Vorhersagen in den nächsten 30 Jahren obsolet werden wird. Doch selbstfahrende Autos und LKWs sowie Fertigungsroboter waren ohnehin nie in Büros zu finden. Räume und Orte werden immer noch für Menschen eingerichtet – nicht für Maschinen. Das Büro ist sowohl ein gesellschaftlicher, als auch ein wirtschaftlicher Mittelpunkt. Unsere biologischen Bedürfnisse werden durch die Technologie nicht irrelevant werden. Wir sehnen uns nach menschlichem Kontakt und physischer Interaktion, und der Arbeitsplatz ist einer der besten Orte, um solche ur-menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft.

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