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Der technologische Fortschritt stärkt das Gemeinwohl – Lars Gaede



„Wenn wir heute gute Ideen dahingehend entwickeln, welche Möglichkeiten und Chancen der technologische Fortschritt für alle Menschen bringen kann, dann kann er das Beste sein, was uns jemals passiert ist.“

Im Gespräch mit Lars Gaede über den technologischen Fortschritt und wie dieser zu einem Gemeinwohl führen kann.

 

Lars, Sie haben als Journalist u.a. für DIE ZEIT, Neon und WIRED geschrieben. 2015 haben Sie Work Awesome gegründet, eine Agentur mit Sitz in Berlin und New York, die unter anderem Konferenzen rund um das Thema „Arbeitswelt von Morgen“ kuratiert und veranstaltet. Die nächste findet am 21.11. in Berlin statt. (www.workawesome.de). Gerne möchte ich mit Ihnen über die neuen technologischen Möglichkeiten sprechen – im Speziellen über digitale Geschäftsmodelle und darüber, welchen Einfluss sie auf unsere Arbeitswelt haben werden.
In der digitalen Welt finden Veränderungen sehr rasant statt. Technologien und auch die Ansprüche der Kundinnen und Kunden verändern sich schnell. Um wettbewerbsfähig sein zu können, müssen sich Unternehmen an diese neue Geschwindigkeit anpassen und schneller und beweglicher agieren. Es macht deshalb zukünftig keinen Sinn mehr, dass man Projekte erst mal durchorchestriert, Prozesse lange plant, in allen möglichen Gremien durchkaut und dann die Kaskade hinab hierarchisch durchsetzt. Es geht eher darum, schnell in cross-funktionalen Teams mit einer eigenen End-to-end-Verantwortung Neues zu entwickeln, und diese Prototypen dann iterativ entlang des Feedbacks der Kundinnen und Kunden weiterzuentwickeln und zu verbessern – so wie es in der Softwareentwicklung ja schon lange gelebt wird. Auch richtig große Unternehmen sind ja bereits dabei, ihre Prozesse nach agilen Methoden umzustellen. Das ist gut so. Die spannende Frage ist dann auch nur: Wie kann man das skalieren? Wie kommt man also von agilen Projekten zu agilen Organisationen? Da reicht es nicht, nur die Mindsets der Menschen oder die Methoden allein in den Blick zu nehmen. Man muss an der Organisation und an ihrem Betriebssystem ansetzen.

Virtual und Augmented Reality: Wie und wo sehen Sie deren Einsatzgebiete in naher Zukunft?
Virtual Reality sehe ich in naher Zukunft im Bereich Marketing und Sales zum Beispiel als Präsentationstool für Kunden, die sich im Möbelgeschäft ihr Möbelstück in einer virtuell nachgestellten Wohnung ansehen können. Ich denke aber, dass sich vor allem die Anwendung von Augmented Reality als Mischform aus tatsächlicher Realität und virtuellen Elementen durchsetzen wird. Heute schon tragen Menschen in der Fertigung Brillen, die, wenn sie vor einem großen Regal mit ganz vielen Teilen stehen, zeigt, welchen Teil sie brauchen, um dieses oder jenes Produkt zusammenzustellen. Das ist viel effizienter und einfacher, als manuell einen Katalog an Bauanleitungen durchblättern zu müssen.

Roboter sind ja schon lange in der Fertigung angekommen. Sehen Sie eigentlich auch Potenzial für Roboter im Büro?
Ich denke, Roboter machen dort Sinn, wo es darum geht, mechanische Dinge zu erschaffen. Und die Fortschritte hier sind bereits riesig. Früher musste man Robotern noch sehr genau einprogrammieren, was Sie zu tun haben, wenn sie sich dort oder da befinden. Maschinen werden sich zukünftig freier und geschickter auch in unkontrollierten Umgebungen bewegen können. Sie werden in der Lage sein, fragile Dinge zu greifen, was z. B. dazu führen könnte, dass Roboter im Pflegebereich stärker eingesetzt werden könnten. Ein anderes Einsatzgebiet, das sich natürlich sehr viele wünschen, ist der Haushalt. Inklusive mir! Noch sind Tätigkeiten wie das Putzen aber leider unfassbar schwierig für Maschinen, da die Dinge im Haushalt nicht immer am gleichen Ort stehen und für die Maschine schwer zu unterscheiden sind. Das heißt, die Maschine muss ja erkennen, das ist ein Stück Papier am Schreibtisch und das ist Müll oder etwas anderes. Bis eine Maschine so gut wie ein Mensch aufräumt oder putzt, dauert es also leider noch sehr, sehr lange. Im Büro selbst sehe ich keine großen Anwendungsgebiete, da es dort ja eher um kognitive Fähigkeiten geht. Diese können natürlich zukünftig von künstlich intelligenten Systemen unterstützt oder sogar ersetzt werden, aber den Roboter als Kollegen werden wir eher nicht neben uns sitzen haben.

Reden wir gleich über die Entwicklung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz.
Hier gibt es drei große Treiber, die für die rasante Weiterentwicklung wesentlich sind. Erstens hat sich die Rechenleistung rasant erhöht, nicht zuletzt aufgrund der Cloud, in der wir heute riesige Mengen von Daten verarbeiten können. Zweitens haben wir heute Zugriff auf Milliarden von Datensätzen, aus denen intelligente Systeme selbständig lernen, also Muster erkennen und daraus eigenständig Prozesse ableiten, können. Diese Analyse und Ableitungsfähigkeiten sind zum Großteil vom Menschen gar nicht mehr nachvollziehbar. Und drittens gibt es eine signifikante Verbesserung der Algorithmen bzw. in der eigentlichen Programmierung der Algorithmen. Maschinen können heute lesen, schreiben, Sprachen verstehen, eigenständig aus riesigen Datenmengen Schlüsse ziehen und daraus Handlungen ableiten. Das wird in weiterer Folge zu sehr großen Umwälzungen führen. In einigen Bereichen sind Maschinen heute schon viel besser als Menschen, z. B. beim visuellen Erkennen von Anomalien im medizinischen Bereich. Natürlich ist der Mensch aber viel besser als jede Maschine der Welt, wenn es um Empathie geht, um generelle Intelligenz und Kreativarbeit. Auf eigene genuin neue Ideen kommen Maschinen nicht. Aber überall dort, wo Arbeit nach sehr strukturierten Prozessen abläuft, gibt es ein großes Automatisierungspotenzial.

Was bedeutet es eigentlich für die Gesellschaft, wenn Jobs technologisch bedingt wegfallen werden?
Wir wären gut beraten, wenn wir uns auf die Änderungen am Arbeitsmarkt vorbereiten und Lösungen entwickeln, damit das nicht zu großen gesellschaftlichen Problemen führt. Ein Weg wäre zum Beispiel, die Menschen durch Bildung in die Lage zu versetzen, die Dinge zu machen, die Maschinen nicht so gut können. Also eben die Aufgaben, bei denen es um Empathie, das Zwischenmenschliche und Kreativität geht. Im größeren Bild muss man schauen, ob und wie wir den Wohlstand von Gesellschaften neu verteilen, um die größere soziale Ungleichheit zu verringern. Der Arbeitsmarkt und die Verteilung des Wohlstands sollte so organisiert werden, dass nicht nur wenige von diesem technologischen Wandel profitieren, sondern möglichst alle. Wenn das nicht gelingt, dann kann es meiner Ansicht nach sehr gefährlich werden und politische Folgen haben. Die sieht man auch schon in ersten Ansätzen in z. B. den USA, wo Trump vorwiegend von Menschen gewählt wurde, die vom rasanten technologischen Wandel nicht profitiert haben. Auch der Brexit ist für mich eine Folge von wachsender sozialer Ungleichheit. Diese Ungleichheit entsteht zum Teil dadurch, dass eher wenige von dem Wandel profitieren. Oder dass sie sich zumindest davon abgehängt fühlen.

Die soziale Ungleichheit müssen wir also auffangen?
Vor allem müssen wir uns auch vom Arbeitsbegriff lösen, der nur Erwerbsarbeit als echte Arbeit gelten lässt. Dieser Begriff ist doch eigentlich immer schon falsch gewesen. Denken Sie an all die ehrenamtlichen Arbeiten, die Aufgaben in der Erziehung oder Pflege in der Familie. Das sollte gesellschaftlich ebenso anerkannt und vielleicht auch vergütet werden. Mit dem Wohlstand, der durch die zunehmende Automatisierung generiert wird, könnten wir es uns zukünftig leisten, die Arbeiten, die heute noch unentgeltlich oder schlecht bezahlt sind, in einer fairen Höhe zu entlohnen. Ein bereits diskutiertes Modell ist das Grundeinkommen.

Wenn wir das weiterdenken: das bedingungslose Grundeinkommen. Welche Rolle oder welchen Zweck haben dann Unternehmen oder Organisationen?
Unternehmen und Organisationen verlieren ja gar nichts von ihrem Zweck, wenn Menschen ein Grundeinkommen bekommen. Es wird sich sicherlich einiges insofern im Lohngefüge ändern, dass harte Jobs, die unangenehm sind, besser bezahlt werden als bisher, weil Menschen durch das Grundeinkommen nicht mehr so sehr darauf angewiesen sind. Ein Grundeinkommen könnte dazu führen, dass wir so eine Art Gründerwelle erleben, weil Menschen sozusagen einfach mal Dinge ausprobieren können, ohne sofort ein großes unternehmerisches Risiko eingehen zu müssen. Wenn das gut läuft, haben wir dann vielleicht sogar mehr Unternehmen als heute.

 

Lars Gaede war als Redakteur u.a. bei der ZEIT, Neon, WIRED und der Deutschen Welle tätig. Heute konzipiert, kuratiert und moderiert er mit seiner Firma Live Formate rund um das Thema Zukunft der Arbeit – von Innovation Journeys durch Lagos, Nigeria bis zu maßgeschneiderten Inhouse-Workshops und Keynotes zum Thema Remote Work u.v.m. Er veranstaltet www.workawesome.de, eine Konferenzreihe zur Zukunft der Arbeit, in Berlin und New York sowie www.organizeawesome.com, eine Co-Learning Community für Führungskräfte.

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